Weintestertest

Veröffentlicht auf von Dirk Würtz

In der aktuellen Print Ausgabe des "SPIEGEL" wird die Frage gestellt wie gut Weinexperten bei einer Blindverkostung tatsächlich sind. Das Urteil ist schlichtweg vernichtend. Der kalifornische Forscher Robert Hodgson hat sich anläßlich der "California State Fair", einem der größten Weintests im Land, die Mühe gemacht die Leistung der anwesenden Weintester zu testen. Das Ergebnis war ernüchternd: So gut wie keiner der Tester hat gemerkt, dass er mehrfach den gleichen Wein im Glas hatte. Noch schlimmer sogar: die Urteile lagen um Welten auseinander. Lediglich zehn Prozent der Verkoster werteten ein und denselben Wein mit einem konsistenten Ergebnis. Das ist natürlich peinlich! Jetzt wäre das Ganze natürlich halb so wild, würden nicht die sogenannten professionellen Weintester auf die Absolutheit ihrer Urteile pochen und diese auch noch kommerziell vermarkten. Wein zu verkosten und ihn zu beurteilen ist per se eine reichlich knifflige Angelegenheit. Außer der Fähigkeit gut riechen und schmecken zu können, muss man auch die Fähigkeit haben das Ganze zuzuordnen, in einen Zusammenhang zu bringen, objektiv feststellbare Weinfehler zu erschmecken und sich auch noch vorstellen zu können, wie lange der Wein wohl trinkbar sein wird. Eine große Aufgabe und ein großes Anforderungsprofil. Ich habe in den vergangenen zehn Jahren bei gefühlten einhundertmillionen Weintests mitgemacht und festgestellt, dass alleine die technischen Anforderungen (das Erkennen von Weinfehlern) schon für manchen zu viel des Guten waren. Nicht selten habe ich auch erlebt, dass "Profis" bereits in der Hälfte der Verkostung sturzbesoffen waren, weil sie statt zu spucken alles geschluckt haben. Was sie allerdings nicht daran gehindert hat munter weiter zu bewerten. Da wird also in einem überaus fragwürdigen Zustand die Arbeit deines Winzers klassifiziert...
So oder so glaube ich, dass es nur wenige richtige "Profis" gibt. Natürlich ist im Zeitalter des Internets die Quantität sogenannter Weinverkoster förmlich explodiert. Fast jeder ambitionierter Hobbytrinker "verkostet" Weine anstatt sie zu trinken, und stellt seine Ergebnisse, inklusive eigener Punktebewertung, ins Netz. Da Wein ein reichlich großes und komplexes Thema ist, sind diese Bewertungen auch nur selten objektiv und kritisch zu beleuchten. Leider suggeriert dies dem interessierten Laien, dass die professionelle Verkostung und Bewertung von Weinen nichts ist, was man wirklich lernen müßte. So nach dem Motto:"wer nix wird wird Wirt, wer garnix wird wird Weinverkoster". Weit gefehlt. Um einen Wein tatsächlich richtig beurteilen zu können braucht es Erfahrung und Wissen. Know How eben, wie in allen anderen Bereichen des Lebens auch. Nur weil einer gut riechen kann, ist er noch lange nicht dazu befähigt Parfumeur zu werden.
Ich bin eigentlich kein großer Feund von Blindproben. Ich glaube nicht, dass die Objektivität leidet, wenn man sieht was man trinkt  verkostet. Das gilt allerdings nur für einen "Profi", so wie ich ihn mir vorstelle. Gut geschult und professionell. Ansonsten ist natürlich das Etikett, und damit auch die Aussage über den Preis, schon beeinflußend genug. "Was teuer ist, muss auch gut schmecken!" Wozu Blindproben führen, hat Hodgson ja nun gezeigt. Und das es sowas nicht nur im fernen Kalifornien, sondern auch hier bei uns gibt zeigt ein kleines Beispiel. Vor einigen Jahren hat ein Weintester einem Wein aus dem Rheingau die Bestnote von 100 Punkten gegeben. In einer Blindprobe wohlgemerkt. Kurze Zeit später wurde ihm dieser Wein wiederum blind vorgesetzt um ihn gemeinsam mit Kollegen "vom Fach" erneut zu verkosten. Das Ergebnis waren schlichte 86 Punkte. Aus der Weltklasse in die Kreisklasse in nur wenigen Wochen. Das Ganze wurde in einem Wenmagazin veröffentlicht und schon war sie da die Blamage. Da hatte sicherlich die Flasche einen Fehler...
Um eines noch klarzustellen, ich halte mich selbst nicht für den perfekten Verkoster. Ich trinke ehrlich gesagt auch lieber und spucke nur ungern aus!

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Marcus Hofschuster 02/06/2009 23:12

Hallo Dirk,

vielleicht wäre es an der Zeit, an dieser Stelle über die genauen Umstände dieser Verkostung Auskunft zu geben. Kurz nach der Veröffentlichung in Vinum hätte eine Reaktion ausgesehen, wie eine plumpe Ausrede, mit dem Abstand einiger Jahre ist der Verdacht vielleicht nicht mehr so groß.

Der betreffende Verkoster kam in der Nacht vor dem Vinum-Interview aus dem Valtellina. Er hat - nach rund 13 Stunden Zugfahrt - kaum 3 Stunden geschlafen, um am nächsten Morgen weitere 4 Stunden per Bahn in den Rheingau zu fahren.

Zu beginn des Interviews wurden rund 30 Weine relativ zügig bewertet, die beteiligten Personen saßen erhöht, unten wurde vom normalen Publikum der Gasstätte geraucht.

Es wurde den Weinen keine Zeit zur Entwicklung gegeben, sie wurden keine zwei Mal probiert, wie das für eine seriöse Bewertung von Weinen dieser Klasse nötig wäre, da sich viele trockene Spitzenrieslinge in ihrer Jugend - und gerade im zweiten Frühjahr nach der Abfüllung - sehr verschlossen und abweisend präsentieren.

Nach Aufdeckung kam der Verdacht eines Flaschenfehlers auf (der betreffende Wein wurde sowohl mit Naturkork als auch mit Kunststoffkork ausgeliefert). Die zweite Flasche wurde geöffnet, aber der Wein interessierte niemanden mehr: die Zeitschrift hatte ihre Sensation. Schon ein einziger der genannten Umstände hätte jedoch ausgereicht, die Verkostung und ihr Ergebnis maßgeblich zu beeinflussen. Und jeder seriöse Verkoster würde das bestätigen.

Im Vorfeld des Interviews wurde darauf hingewiesen, dass eine Verkostung unter solchen Umständen nicht ideal sei. Es wurde zugesagt, dass die Ergebnisse der Verkostung (es sollten zunächst erheblich weniger Weine sein) nur als Grundlage der Diskussion gelten und nicht veröffentlicht werden - aus nachvollziehbaren, oben auch genannten Gründen. Diese Zusage war nach dieser "Sensation" hinfällig.

Der betreffende Verkoster begegnete besagtem Wein inzwischen mehr als ein Dutzend Mal. Bei zwei weiteren Gelegenheiten präsentierte sich der Wein ähnlich schwach (für seine Verhältnisse), wie bei dem Treffen für die Zeitschrift Vinum. In allen anderen Fällen war er groß.

Herzliche Grüße

Marcus Hofschuster

Dirk Würtz 02/06/2009 23:58



Lieber Sam,

das mac he ich natürlich gerne, zumal ich das Ganze ja mehr oder minder fast in Echtzeit mitbekommen habe. Ich werde das am Samstag noch einmal detailieretr aufarbeiten. Eines steht allerdings
fest: die ganze Blindproben im Allgemeinen.